Beitrag für Jubiläumsbuch der Frauenkommission
auszugsweise im Zeitraffer

29. Mai 1960

Weißes Kleid, knielang, liebevolle Details, der Stoff besorgt in Mattersburg. Teta Ana, allseits geschätzte Dorfschneiderin, kreiert ein wunderbar kindgerechtes Festtagsgewand für mich Achtjährige. Fühle mich wie eine Braut. Mit Schleier selbstverständlich. Ohne daß es mir bewußt wird, hat er große emotionale Bedeutung. Gleich Flügeln, die aus dem Kindesalter hinausheben. Alles andere entspricht meinem Alter: Kleid, Strümpfe, Schuhwerk, Kerze. Der Schleier jedoch läßt hinauswachsen: aus dem Alltag ins Besondere, aus der Kindheit in ein ungeahntes Leben, das nach Erwachsenwerden duftet.

1960 ist ein bedeutendes Jahr für mich Karfreitag-Geborene. Es ist das Jahr meiner Erstkommunion.

Ein Tag von lebenslanger Bedeutung. Nie vergessenem Tiefgang. Gründlich vorbereitet von Eltern, Brüdern und Pfarrer Gregor Palkovich. Ein gestrenger Herr der alten Schule: minutiöse Gestaltung und Übung aller Details. Ein bedeutender und besonderer Tag. Ich erlebe ihn als etwas Heiliges. Bewege mich dementsprechend. Schreite – mit dem Gefühl, so einen Tag nie wieder zu erleben – zum Altar und warte gespannt auf die endliche Begegnung mit Jesus. Getragen von Kleid, Schleier und einer noch nie erlebten Festlichkeit. Heute trete ich das erste Mal bewußt aus der privaten Frömmigkeit der Familienschule in die Öffentlichkeit der Pfarre. Erste Akzente aktiven Mittuns setze ich einem Diplomaten gleich, der das erste Mal in einem fremden Land agieren muß – begleitet von einem Lampenfieber, das mich noch lange wärmen wird. Wir schreiben 1960! Aktives Mitgestalten von Seiten der Kinder ist in unserer Landpfarre bloß an derart besonderen Tagen möglich.

7. April 1961

Firmung im Dorf. Eine große Schar Kinder schreitet mit Patinnen und Paten zum Bischof. Er stammt aus Trajštof/Trausdorf und spricht meine Muttersprache. Selbstverständlich. Ich kenne es nicht anders. Die Häuser sind festlich geschmückt mit Kreppgirlanden in Weiß-Gelb und Kirchenfahnen, die Schani, der Dorfgreißler, in großen Mengen rechtzeitig besorgte. Ich bin neun Jahre alt und trage ein dunkelblaues Kleid aus Samt mit einem leuchtend weißen Kragen aus Lochstickerei. Wieder geschneidert von Teta Ana. Patin Annemarie schenkt mir eine zarte Junghans-Armbanduhr, und meine allererste Handtasche in weiß. In der Größe eines Kofferradios, wie ihn sich die Burschen ans Ohr halten, um mit Elvis' Musik Mädchen zu imponieren. Am Firmungstag bin ich erstmals Gast im Hause meiner Patin. Den ganzen Tag, ohne jemand anderen aus meiner Familie. Große Aufregung. Würstel und Senf – exakt drei Stunden vor der Messe verspeist, also ungewohnt früh am Tag – liegen mir im Magen. Drei Stunden vor der Messe hat man nüchtern zu sein, um die Kommunion entsprechend würdevoll empfangen zu können.

Überhaupt haben Kirche und Pfarre strenge Gesetze. Pfarrer Palkovich übt respektvolle Distanz im Alltag und regiert das kirchliche Leben mit gewohnter Disziplin. Mädchen dürfen erst ab 14 in der Kirchenbank Platz nehmen, auch wenn sie leer ist. Ich erlebe die Gottesdienste meiner Kindheit und zahlreiche Feste stehend. Beinahe bewegungslos. Scharf kontrolliert von der zischenden Pfarrersköchin. So stechende Augen! Sie ist der einzige Mensch meiner Kindheit, den ich nie lachen sah. Eine Stunde stehen und die gesamte Messe in Latein. Das gleicht einer Strafe für schwere Sünden. Ärger macht sich breit. Mein kindlicher Körper reagiert mit Übelkeitsattacken. Ich helfe mir mit der Feuchtigkeit der Mariensäule, die in der sommerlichen Schwüle schwitzt. Die kühlenden Wassertropfen erfrischen Stirn und Wangen. Und sie verhindern mein Umkippen mitten in der Messe. Marienverehrung wurde mir mütterlicherseits in die Wiege gelegt und nicht bloß durch meine erste Wallfahrt nach Maria Zell gestärkt. Sicher wurde sie manifestiert durch die „Erste Hilfe" der Mariensäule in meiner Heimatkirche.

3. Juni 1963

Ich zähle die Tage bis zu den großen Ferien. Das Theresianum in Eisenstadt, meine schulische Heimat, prägt mich in vielerlei Hinsicht. Im April wurde ich elf. Heute ist der Papst gestorben. „Il papa buono" und das Konzil lassen tiefe Eindrücke zurück, die ich erst Jahre später begreifen werde. Mein elfjähriges Gemüt spürt eine gewisse Beklommenheit beim Anblick des toten Papstes. Da scheint ein besonderer Mensch gestorben zu sein. Einer, der Großartiges vollbracht hat. Einer, um den viele Erwachsene meiner Umgebung trauern.

19. Juni 1976

Morgen feiert unsere Tochter Ulli ihren ersten Geburtstag. Heute ist Pfarrer Palkovich gestorben. Bog mu daj pokoj! Eine Institution hat uns nach 38 Jahren verlassen. Nach würdevollem Abschied übernimmt für gut ein Jahr Jive Zakall seelsorgliche Aufgaben. Jive, Mann unseres Dorfes. Einer, der beginnt, die Fenster zu öffnen, wie es der Konzilspapst empfohlen hatte. So hält endlich das Konzil auch bei uns Einzug – Schritt um Schritt. Wir atmen neue Möglichkeiten. Zum ersten Mal gibt es einen Pfarrgemeinderat, der auch planen, organisieren, mitbestimmen und kreativ sein darf. Ich gehöre zum Team und lebe mein Christsein mit Freude. Das Temperament meiner jungen Jahre läßt sich kaum zügeln. Wir dürfen den Pfarrhof betreten, ohne von finsteren Blicken der zischenden „gospa kuharica" vertrieben zu werden. Pfarre und Kirche erleben Aufschwung und Erneuerung. Im Herbst 1977 kommt der neue Pfarrer aus Dalmatien. Stipe Mlikotić ist jung, intelligent, ein hervorragender Prediger. Mikrofon benötigt er keines. Diese Stimme! Niemand würde sie seiner Körpergröße zutrauen. Und er sucht den Weg zur Jugend. Meine Pfarre lebt. Und wir mit ihr.

Spätsommer 1989

Ein schwarzer Tag für meine katholische Seele. Unsere Jüngste kommt weinend aus der Kirche. Viele Menschen sind verstört, viele haben ihre menschliche Seite verbannt. Führen sich auf, wie die Massen im antiken Rom. Psychische Hetzjagd ist angesagt. Der Pfarrer aus Kroatien wird nach dreijährigem Einsatz bei uns verabschiedet. Emotionen solcher Art habe ich vorher und nachher nie mehr erlebt. Gott sei Dank. Sie reichen von Morddrohung, Telefonterror, Beleidigung der gesamten Familie bis zur öffentlichen Ächtung meiner Person. Ich soll an seinem Weggang schuld sein. Weder er, noch die Masse fragen mich, ob ich wirklich Schuld trage. Entschließe mich für Schweigen, Warten. Bei einigen wird es ein langes Warten. Über viele Jahre. Bis mich ein Jahrzehnt später der Bischofshof entdeckt.

Juni 1998

Aus Loretto kommt ein Anruf: möchtest Du KA-Präsidentin werden? Ich bin sprachlos. Brauche ein Wochenende zum Überlegen. Werde ich dem entsprechen, was man sich von mir erwartet? Bin ich gut genug für diese Aufgabe? Die „Hoch-Zeit" der KA mit Großveranstaltungen in den 60er Jahren ist passé, ein neues Profil ist gewachsen, Herausforderungen warten an jeder Ecke. Erstmals wurde eine Frau für diese Funktion angefragt. Darf ich die Frauen enttäuschen?

1.September 2000

Mein Bruder Moc hat Geburtstag. Und ich trete meinen Dienst an. Mit heutigem Tag übernehme ich die Leitung der neu geschaffenen Mini-Abteilung im Bischofshof mit dem etwas umständlichen Namen „Büro für Kommunikation und Information." Bald heißen wir nicht nur am Telefon „Medienbüro." Ich versuche zu vermitteln, daß wir Servicestelle für Presse und Medien sind, organisiere Tage der offenen Tür, initiiere die Installierung des ersten Ombudsmannes, baue das diözesane Internet aus und bekomme nach zähem Ringen einen hervorragenden Webmaster, dessen besondere Fähigkeiten sich endlich entfalten dürfen. Bemühe mich, positive Seiten von Kirche in der Öffentlichkeit publik zu machen und Negatives unverfälscht zu vermitteln. Die folgenden zehn Jahre zeigen immer deutlicher, wie wichtig PR für Kirche ist und die kommenden Jahre wird man sie noch nötiger haben. Nicht als Feuerwehr, sondern als verläßliche Brücke nach Außen und Innen.

29. April 2010

Bin Katholikin 2 Bischöfe und 6 Päpste lang.
Soeben erreichte mich die Nachricht aus Journalistenkreisen: der Name des Bischofskandidaten sei bereits bei der Regierung deponiert...ob es stimmt, wird sich zeigen... auf jeden Fall ist die Zukunft angebrochen... ein Blick zurück, einer nach vor – wir werden sehen, wohin es gehen wird...wie auch immer: möge der Geist Gottes nicht bloß zu Pfingsten aktiv sein!

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