Meine Eltern waren Bäcker und Hausfrauenkunden am Sonntag gehörten lange Zeit zum Geschäft. Dann errangen sie Freiraum, sogar den Samstagnachmittag. Welche Freude über freie Zeit für Familie, Freunde und Erholung.

Bauern haben schon immer sonntags ihr Korn eingebracht, Kellner ihre Gäste bedient. Stimmt. Man kann auf Jesus verweisen, der sagte, man dürfe eine Kuh nicht ertrinken lassen, bloß weil Sabbat ist. Damit hat er nichts weiter getan, als auf Ausnahmen hinzuweisen. Wer eine Kuh um eines abstrakten Prinzips willen opfert, heiligt nicht das Prinzip. Früher waren sich die Bauern der Ausnahme bewusst und gingen im Winter umso öfter in die Kirche.

Wirtschaftsfunktionäre, Unternehmensbosse und Börsenkaiser wollen die Ausnahme zur Regel machen. Schließlich gibt es Produktionsmethoden - Unterbrechungen bringen Verluste. Wenn wir nicht produzieren, sind wir die Dummen. Andere Länder handeln klüger, ihr Sonntagsbraten ist gesichert – wenn auch in der Firmenkantine. Niemand stellt sich die Frage, weshalb wir überhaupt Produktionsmethoden entwickeln, die nur durch Wertezerstörung realisierbar sind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der nur noch zählt, was sich rechnet. Zahlen, Bilanzen, Wirtschaftsargumente beherrschen unsere Computer-Verstandes-Speicher. Werte sind so veraltet wie ratternde Rechenmaschinen. Verstaubt und antiquiert.

Der Philosoph Spaemann zitierte einmal Dürrenmatts „Besuch der alten Dame" als über den Sonntag diskutiert wurde und was es die Wirtschaft koste, sonntags die Maschinen abzuschalten. Die ökonomische Denkweise gibt den Sonntag zum Abschuss frei. Sonntag steht aber als Chiffre für vieles, was unsere Kultur ausmacht: Humanes, Recht, Soziales – und all das, wodurch Alte, Kranke, Behinderte, Familien mit Kindern oder Alleinerziehende geschützt werden. Wer den Sonntag umbringt, begeht Selbstmord auf Raten.

Ana Schoretits

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