"Weder Europa noch das Reich Gottes sind fertig. Wir sind aufgerufen, Phantasie an den Tag zu legen." –

Ein Zitat, das zwölf Jahre zählt. Zwölf Jahre mit schwerem Gepäck. Die angeführten Worte fielen beim Europäischen Kolloquium in Berlin. Dort trafen einander im März des Jahres 2002 einhundertzwanzig Teilnehmer aus zwanzig Ländern. Es wurde viel diskutiert, gefragt, hinterfragt, gefordert...

"Euro in der Tasche – Europa in der Tasche."

Haben wir es auch im Gefühl? Konkrete Fragen verdienen konkrete Antworten. Tatsächlich sollten wir uns bald entscheiden, ob wir ein Europa der Konsumenten wünschen, oder ein Europa der Bürger. Bürger mit Rechten, aber auch mit Verpflichtungen und Verantwortung. Bürger, denen Nachbarschaft, Kontaktpflege, Umwelt ebenso wichtig sind wie Zukunftsverantwortung und Augenmerk auf historische Vergangenheit. Bürger, die sich zu Werten bekennen, die zeitlos sind.

Es gilt der europäischen Kultur neue Vitalität zu verleihen – und dabei nicht nur der westlichen Kultur Exklusivität zu attestieren – Europa muß sich seiner gesamten, vielfältigen und reichen Kultur bewußt werden. Gedanken aus dem Jahr 2002.

Friedrich Torberg schrieb aus dem amerikanischen Exil an einen Freund ungefähr so: „Mein Lieber, laß aus dem Österreichischen alles Ungarische, Slowakische, Kroatische, Tschechische, Böhmische, Jüdische, Italienische, Bayrische, Bosnische, Polnische, Slowenische weg – was wird übrigbleiben? Der Gamsbart."

Über die Schönheit von Gamsbärten ließe sich streiten. Während Jägerballbesucher und Schützenvereine nicht ohne sie auskommen, können modisch Bewußte gern darauf verzichten. Torberg, der brillante Autor mit exzellentem Gespür für Ironie, fand ein Wort nicht bloß für einen bestimmten Teil der österreichischen Bevölkerung, sondern eines für eine Denkweise, die meist nicht nur fragwürdig erscheint, sondern entsprechend aufgeheizt richtigen Sprengstoff in sich birgt.

Wir täten gut daran, uns von der möglichen Schönheit des Gamsbartes nicht blenden zu lassen, damit wir nicht blind werden für Schätze anderer Kulturen. Wenig sehend zeigt sich der mitteleuropäische Mensch des dritten Jahrtausends auch in religiösen Fragen. Atheisten machen Christen auf die Schönheit ihres Glaubens aufmerksam – hieß es in Berlin.

Im Wissen um die Geschichte unseres Kontinents, um die Fehler und um das Gute, das uns verbindet, treffen wir uns im gemeinsamen Haus – das wir restaurieren müssen. Jeder Handgriff zählt.

Ana Schoretits

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