Von hellen Fischen träumen im dunklen Meer
vom Einhorn auf magischer Wolke noch mehr
und buntem Zoo und Regenwaldbahn –
sve ove naše sanje nisu zaman.

Nachts mit dem Eisvogel jagen das Böse
vor Schlangen fliehen zum Schatz mit Getöse
das ist bloß ein kleiner Teil unserer mladost –
fantazija i farbe kinč su i radost.

Mit Engeln putzen den goldenen Stern
Ägyptens Regenbogenstein ist noch fern
im Zauberland malen mit Herz und Magie
kako je ona srićna nam kaže Sophie.

Zauber von Farbe und Wort –

vom Versuch über Schatten zu springen und hinter Dinge zu schauen

Das Einhorn besucht seine Familie, das Knotengesicht im Holzt pflanzt immer neue Bäume, Menschen werden von Schlangen gezwungen, in die Pressmühle zu gehen und einen Schatz zu finden, ungeputzte Sterne fallen auf Fahnen, Regenbogensteine und Meeres-Zauberblumen erfüllen Wünsche, Kapitän Dotterbart hütet die Schatzkarte, der Drache im pazifischen Ozean vertreibt die Fische. Er möchte König werden. Kunterbunte Menschen, verhexte Wiesen, durch den Regenwald Eisenbahn fahrende Tiere, turmähnliche Vögel, fernschauende Pferde, glücklich machende Sterne – in der kindlichen Welt ist alles möglich. Die Landkarte der Phantasie hat keine Grenzen. Das Meer der Kreativität keine Ufer.

„Ich fühle mich einfach gut, weil alles so schön ist."

Sophie bringt es auf den Punkt. Die Siebenjährige erzählt mit Ölkreide ihre Gefühle. Farbe ist ihre Sprache. In ihrem jungen Schülerinnenleben darf sie erfahren, wie etwas Kreatives entsteht. Etwas Besonderes. Eine Kostbarkeit. Ein Buch, an dem sie mitwirken darf. Sie und viele andere Schülerinnen und Schüler. Schritt um Schritt nähern sich die Kinder ihrem Ziel. Auf dem Weg dorthin sammeln sie Erfahrung. Lernen Interessantes über Material und Technik, Entstehung von Sprache und Schrift, begreifen die Aufgabe und werden sicherer. Selbstbewußtsein entsteht. Wird gestärkt. Der Zauber von Farbensprache und Sprachbild bekommt Flügel, umflattert die Teilnehmenden, setzt sich auf deren Schultern, legt sich in die Fingerspitzen, streift manche zarte Kinderseele. Plötzlich entwickelt Farbe ein Eigenleben. Wird als belebend, aggressiv, beruhigend oder harmonisch empfunden. Gezieltes Mischen von Farben löst den Zufall ab. Eigenständigkeit entfaltet sich. Offenheit spielt ihre Rolle. Offenheit untereinander und Offenheit weit über den Tellerrand hinaus.

Weltoffenheit will gelernt sein. Das fängt klein an. Ganz klein. Mit einem Schritt. Mit dem ersten Schritt. Am Beginn jeder Arbeit, jeden Unterfangens, jeder Begegnung steht der entscheidende Schritt. Ein Schritt, eine Bewegung dem Ziel entgegen, und nicht eine Entfernung davon.

Die Welt ist klein, wenn man noch Schüler oder Schülerin ist. Klein im Sinne von überschaubar. Keineswegs klein im Sinne von Erfahren, Erleben, Begreifen.

Das Hineinwachsen in eine komplexe, von Erwachsenen dominierte Welt, erfordert Mut. Und richtige Begleitung. Begleitung beim Versuch über Schatten zu springen, aus sich herauszugehen, die Norm zu ignorieren, Kreativität zu entwickeln, zu Ver-rücktem zu stehen, sich entfalten zu dürfen, Anderssein zu akzeptieren.

In einem Dorf, in dem die meisten Bewohner einander kennen, kann ein Mensch genauso Heimat finden wie absolutes Fremdsein. Das kann unterschiedliche Ursachen haben. Zweifellos wird ein direkter Zusammenhang bestehen zwischen Schritten, die wir bereit sind, zu tun, die wir zulassen und begrüßen, und Schritten, die wir ablehnen, ignorieren, verurteilen.

In unseren Gemeinden ist – mehr oder weniger, je nach Gegebenheit – Engagement sichtbar. Meist einander recht ähnlich. Welcher Bürgermeister zeigt nicht mit Stolz auf eine gut funktionierende Feuerwehr, auf einen kämpferischen Fußballverein, auf Blasmusikklänge und Preise beim Blumenschmuckwettbewerb? Das gesunde Dorf wird belohnt und die jugendfreundliche Gemeinde. Wo wird Boden bereitet für kreatives Gestalten mit Kindern?

Mlada inicijativa Mjenovo – die Junge Initiative Kroatisch Minihof – hat einen ersten, maßgeblichen Schritt getan. Sie hat eine bedeutende Welt in ihr Dorf geholt. Hat den Kindern ihrer Schule und jener des benachbarten Dorfes Fenster geöffnet. Und Türen. Weit geöffnet für die Welt der Farben und der Kunst. Mit viel Gespür und fachlichem Wissen begleitet von der bildenden Künstlerin Annelies Kelemen. Was diese Kinder auf ihrer Entdeckungsreise erfuhren, erfüllte sie in jenen Momenten mit der Freude des Neuen. Die wirkliche Größe dieses Geschenks wird manchen von ihnen, und vielleicht auch ihren Eltern, später, viel später bewußt werden. Der Grundstein ist gelegt. Wer Glück hat, wird darauf aufbauen. Aus eigenem Interesse oder durch Einfluß von Außen. Der Umgang mit Kunst und deren vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten kann nicht früh genug geübt werden.

Vielfalt auf sprachlicher Ebene beginnt heute bereits in den Kindergärten. In den gemischtsprachigen Gemeinden unseres Landes erfährt das kindliche Ohr den Klang mehrerer Sprachen. Durch Zuwanderung und neue Ortsbewohner, manchmal aus bisher wenig bekannten Ländern, kommt die Welt zu Gast. Der Horizont wird breiter, das Ohr hört weiter, die Welt wird bunter. Kindliche Neugier ist größer als die Furcht des Kindes vor dem Fremden, Unbekannten. Malend, zeichnend, fragend, hörend durchmißt der kindliche Fuß Neuland. Begibt sich auf Entdeckungsreise, auf Pfade mit Spuren und auf noch nie begangene Wege. Bereit, hinter Dinge zu schauen und über Schatten zu springen. Farbe und Wort im Handgepäck.

„Sprache ist Malerei für das Ohr" – unter diesem Titel verfaßte ich vor Jahren einen Beitrag für eines der ide-Hefte, Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule, herausgegeben von der Universität Klagenfurt. In diesem Beitrag machte ich mich auf die Suche nach Pinsel und Farbe in meinen beiden Sprachen. Diese Suche öffnete mir Fenster, Türen und Augen – „Augen für das Schöne und Augen für das Konkrete. ... Licht brach herein. ... Die Welt kam zu Gast. ...Werkzeugen haftet der Alltag an. Sie sind aber auch Stütze. Und Begleiter. Einem Pinsel gleich taucht mein sprachliches Werkzeug in Wasser und Farbe, tanzt über das Blatt, verteilt Farbtupfer und flächige Figuren. Läßt Landschaften erstehen und Menschengestalten, erzählt Geschichten in Farbe. Farbe als Synonym für Phantasie. Gleich dem Gemälde benötigt auch die Sprache Vorstellungskraft. ... Als Mensch an der Grenze, als Frau, mit zwei Sprachen groß geworden, bin ich doppelt beschenkt. Wohl bleiben die Grundfarben gleich, doch die feinen Nuancen, die Mischfarben, die reichhaltige Palette verschiedener Töne, die ich auswählen darf, bereichern meinen sprachlichen Farbkasten. In ihm vereinen sich slawische Bilder mit magyarischer Leuchtkraft, überquellende Freude mit Schwermut und Trauer, Lebenslust und Temperament mit zeitweiliger Resignation, dörflicher Boden mit globaler Weite – all dies eingebettet in eine starke Freude am Leben. Halte die Augen offen.
Noch rührt der Pinsel kräftig im Farbkasten.
Noch malt er Bilder auf das Blatt.
Noch sind die Farben nicht verblaßt.
Die Suche hat sich ausgezahlt."

Den Kindern von Kroatisch Minihof und Nebersdorf wünsche ich, daß in ihrem kreativen bildnerischen und sprachlichen Malkasten die Farben nie verblassen oder austrocknen mögen, daß ihr Pinsel kräftig umrühre und stets in Bewegung bleibe, daß ihre Freude am Kreativen ungebrochen wach bleiben möge.

„Ich fühle mich einfach gut, weil alles so schön ist."

Dieser Satz von Sophie möge ihnen allen und ihren Begleitern aus dem Herzen sprechen.

Vježbajte oko ter uho za šarolikost svita!

Ana Schoretits
im Mai 2014

Beitrag für das Buch „Zauber von Farbe und Wort" – hrsg. anläßlich 25 Jahre Bibliothek der MI Kroatisch Minihof

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