Dorf – im österreichischen Wörterbuch aus dem Jahre 1951 ohne weitere Deutung. Ganz für sich stehend. Selbstverständlich. Ohne Erklärungsbedarf. Dorf ist Dorf. Ohne wenn und aber.

Fünfundvierzig Jahre später zeigt sich das Deutsche Wörterbuch mit der neuen Rechtschreibung von einer gewissen Auslegungsfreude. Es beschreibt das Dorf als „kleine Ansiedlung von relativ wenigen Häusern" und hängt gleich Ehebruch und Untreu an – mit dem Satz „Es ist doch bekannt, daß ihr Mann gern mal über die Dörfer geht." Was scheinbar nicht bloß deutschsprachige Männer taten und tun. Die Kroaten im Burgenland verwenden auch den Begriff „selo pojti" – zur Geliebten gehen. Selo steht für Dorf. Welche Bedeutung wird dem Dorf zugemessen? In Erinnerung und Gegenwart?

Vor sechs Jahrzehnten gehörten zu meinem Dorf zwei Greißler, zwei Gasthäuser, ein Fleischhauer, Tischler, Schuster, Huf- und Wagenschmied, Schneider, Elektriker, Installateur, ein Schlosser, Pferdehändler, ein Hirte, Weingarten- und Feldhüter, vier Weinsensale, eine Maschinenstrickerin und eine Marktfahrerin, ein trommelnder Kleinrichter. Und Maurer, die ihr Handwerk beherrschten. Eine Gärtnerei, Trafik, Milchgenossenschaft, Konsum und Spargemeinschaft. Es gab ein angesehenes Haus, das mit Bau- und Brennmaterial Handel betrieb und das den ersten Fernseher, sowie das erste Telefon erwarb.

Zwei Männer, die den Buben die Haare schnitten, ohne Friseure zu sein. Mindestens vier Frauen, die hübsche Kleider nähten, ohne das Schneiderhandwerk erlernt zu haben. Eine ausgebildete Hebamme und eine mehr oder minder stark frequentierte Engelmacherin.
Eine Kirche mit einem Baum von einem Pfarrer und eine Schule samt gefürchtetem Schulmeister.

Nicht zu vergessen – zwei Bäcker. Kein Riesensortiment an Weckerln und Striezeln, aber das Brot schmeckte nach Brot und die Semmeln dufteten nach einem angenehmen Tagesbeginn. Zwei Hochzeitsbäckerinnen mit geheimen Rezepten, lebenslanger Erfahrung und konkurrierenden Nachfolgerinnen.

Lohndruschgewerbe und ein ständiges Buschenschankangebot vervollständigen das Bild der frühen 60er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Dorf mit etwas mehr als neunhundert Einwohnern.

1960 öffnete das Kino seine Pforten und Massen strömten hinein. Neben den fixen Sitzreihen mußten stets zusätzliche Klappsessel aufgestellt werden. Manche begnügten sich sogar mit Stehplätzen, wenn es eng wurde. „Sayonara", „Die zehn Gebote" und „Wenn die Kraniche ziehen" - Filme, die zu Beginn der Kinoära gezeigt wurden - verzauberten Menschen jeden Alters. So mancher duckte sich erschrocken, wenn über die breite Leinwand ein Auto auf die Zuschauer zuraste. Und während der Operation beim „Arzt von Stalingrad" mußte der eine oder andere den Kinosaal verlassen. Nicht jeder Magen ist chirurgieresistent.

Kurz darauf kam die Tankstelle. In einem Dorf, das auf keiner Straßenkarte zu finden war. Von dessen Existenz außer den Einwohnern und der Umgebung kaum jemand wußte. Das vom Tankstellenbewerber kontaktierte Mineralölunternehmen belächelte diesen und verwies auf die Tatsache, daß sich das Projekt einer Tankstelle im Hinblick auf Verkehrssituation und „Bevölkerungsdichte" kaum jemals realisieren ließe. Den entschlossenen Mann ließ die sachliche Feststellung kalt, daß keine einzige Mineralölgesellschaft auch nur eine Zapfsäule dort investieren würde. Er war gar nicht interessiert daran. Er würde alle Investitionen aus eigener Tasche tätigen.

Darauf folgte eine Erfolgsgeschichte, die zehn Jahre später vom Mineralölunternehmen an alle PAM-Tankstellen in ganz Österreich in Form eines Rundschreibens detailliert bejubelt wurde: die

Mustertankstelle mit gut ausgestatteter Servicestation könne auf einen ans Unglaubliche grenzenden Erfolg verweisen. Um die konstant steigenden Umsatzziffern könne den tüchtigen Mann so manche Großtankstelle an einer Hauptverkehrsstraße beneiden. Mit sämtlichem KFZ-Zubehör, Reifen, Fahrrädern und Mopeds einer klaglosen Hauszustellung von Ofenheizöl stelle die Anlage eine ideale Versorgungsbasis für die Bewohner der näheren und weiteren Umgebung dar. „Meister Benzin" und seine versierte Frau praktizierten einen Kundendienst in Vollendung – Tag und Nacht, sonn- und feiertags.

Während manche Dorfbewohner auswanderten, sich in der Schweiz, in England oder Australien eine finanzielle Basis schufen, schrieb der Tankstellenbesitzer seine eigene Erfolgsgeschichte. Daheim. Die Welt außerhalb seines Dorfes beschnupperte der begeisterte Saxophonist in späteren verdienten Urlaubsaufenthalten. In Gestalt des griechischen Schwiegersohnes blieb diese Welt nicht nur Gast, sondern bereicherte auf Dauer sein Zuhause.

In sechs Jahrzehnten ändert sich nicht nur der Mensch, sondern auch ein Dorf. Nicht bloß äußerlich, doch vordergründig erkennbar. Städtische Bauelemente verleihen dem Dorf ein neues Gesicht. Anstelle der alten Schule steht heute ein zweistöckiges Gebäude mit mehreren Wohnungen. „Markuska", die alte Greißlerei, mit dem einstigen Fassadenspruch „Paun is mei Lus, bos kos hob i nit gwus" wurde vor langem abgerissen und bietet sich nun als Bauplatz an.

Das einst größte Gehöft im Dorf, das Haus des Kohlenhändlers, steht seit Jahrzehnten leer und zum Verkauf.

Geblieben sind ein Gasthaus, der Kaufmann, der Schlosser, eine Friseurin und drei „rastoki", wie die Buschenschank noch immer genannt wird. Hebammen- und Engelmacherinnendienste wurden in die Krankenhäuser verlegt. Auf der einstigen Viehweide wächst seit bald vierzig Jahren ein Mischwald, vom Viehbestand von neunhundertachtzig Stück sind einige vereinzelte Hühner geblieben. Der auch international geschätzte Rotwein wird bald der Vergangenheit angehören, weil die wenigen Weinbauern kaum Nachfolger in Sicht haben. Die alten Obstgärten mit Lattenzäunen machten Platz für gartenarchitektonische Musterbeispiele, für Swimmingpools und Pergolen, Spielwiesen, Sportplatzrasen und Garagenhäuser in Wohnhausgröße.

Veränderungen lassen nicht bloß Wehmut aufkommen. Veränderungen bergen auch Chancen. Weiten den Horizont. Öffnen Türen zu neuen Wegen.

In die einst ein-, dann zweisprachige Dorfgemeinschaft mischen sich heute neue Bürger aus der Türkei, Slowakei, Bosnien, Serbien, Ungarn, Deutschland und Portugal.

Die ehemals vorwiegend bäuerlichen und gewerblichen Strukturen durchbrechen heute Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Architekten, Politiker, Beamte, Künstler, Schriftsteller, Apotheker, Lehrer, Juristen, Versicherungsmakler, Offiziere, Theologen - allesamt hervorgegangen aus dem kleinen Dorf an der Grenze.

Die Gräben vor den Häusern sind längst Geschichte. Die Gräben zwischen den Menschen teils zugeschüttet, begradigt, geebnet. Zartes Gras wächst darauf. Birgt grüne Hoffnung.

„Ein Dorf bringt bloß engstirnige, wenig gebildete, kleinkarierte, kaum entwickelte Geister hervor. Ein Dorf erdrückt den Menschen. Der Horizont reicht bis zum Nachbarn. Weiter nicht."

Meinte ein junger Mann aus dem Dorf, um bald darauf zu verschwinden. Für lange Zeit. Schade. Die Zeit hatte nicht gereicht, um auch eine andere Seite aufzuzeigen. Anhand bedeutender Menschen, die auf ihre Weise Geschichte schrieben. Und alle aus Dörfern kamen. Marc Chagall, zum Beispiel, bildender Künstler von Weltrang, stammte aus der kleinen dörflich-jüdischen Gemeinde Peskowatik im heutigen Weißrussland. Michail Sergejewitsch Gorbatschow kommt aus dem Dreitausend-Seelen-Dorf Priwolnoje in Nordkaukasien. Durch „Glasnost" (Offenheit) und „Perestroika" (Umbau) leitete er das Ende des Kalten Krieges ein und erhielt den Friedensnobelpreis.

Fidel Castro wuchs im ostkubanischen Dorf Birán auf. Angelo Giuseppe Roncalli, der spätere Konzilspapst Johannes XXIII. wurde im kleinen Bergdorf Sotto il Monte bei Bergamo als Sohn armer Bauern geboren und schrieb in wenigen Jahren bedeutende Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Emil Nolde, einer der führenden Maler des Expressionismus, war ebenfalls Bauernsohn und eroberte von seinem norddeutschen Dorf die ganze künstlerische Welt. Er hieß ursprünglich Hansen, und wählte für seinen Künstlernamen den Namen seines Dorfes. Ivan Generalić, einer der bedeutendsten Vertreter der Naiven Kunst, machte sein Dorf Hlebine im Nordosten Kroatiens, weltweit bekannt. In bäuerlicher Umgebung, die sich in vielen seiner Bilder wiederfindet, war er Mitbegründer der „Schule der Naiven Kunst von Hlebine." Knapp vierzigjährig stellte der einstige Bauer seine Werke mit großem Erfolg in Paris aus.

Einem Dorf entstammen und darin verwurzelt sein. Sich distanzieren und für immer den Rücken kehren. Erfahrungen sammeln und zurückkehren. Bleiben und Möglichkeiten ausloten. Heimisch sein oder heimisch werden. Verbundenheit oder Abkehr, Aufstieg oder Niedergang, Innovation oder Verzweiflung. Freude oder Resignation. Bleiben oder Gehen – die Entscheidung liegt beim Einzelnen.
Oder – als persönliche Option freigehalten - ganz einfach das Dorf zur Geliebten erklären: „selo pojti."

„Vom Dorf einen Faden, und der Nackte hat ein Hemd." Wieweit dieses russische Sprichwort im einundzwanzigsten Jahrhundert noch Gültigkeit besitzt, hängt von jedem einzelnen Bewohner ab. Und natürlich auch davon, ob der Nackte nicht überzeugter Nudist ist.

aus „Zadnji hrvatski Mohikanac – Pannoniens letzter Mohikaner" - 2012, Eisenstadt

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